Zurück zur Übersicht 17. Juni 2026 Abschiedsrede einer Mutter „Nirgendwo mehr hin…“ Am 6. Februar 2026 starb Timo im Alter von 35 Jahren an den Folgen seines Drogenkonsums. Seine Mutter hat bei der Trauerfeier einen Text vorgetragen, den wir hier veröffentlichen durften. „Ich möchte mit dem Freitag letzter Woche beginnen.Ich lag schon im Bett und war gerade eingeschlafen, da hat es an der Tür geklingelt. Jounes, mein Sohn, kam in mein Zimmer und meinte, dass die Kriminalpolizei kommt. Vor einem knappen Jahr hatte ich mit Timo ein Gespräch. Wir saßen mal wieder auf der Raucherterrasse der Station Sigmund-Freud und ich habe zu ihm gesagt, wie schon viele Male davor, dass ich nicht mehr kann! Ich habe ihn gefragt, wo geht die Reise jetzt hin? Er meinte nirgendwo mehr hin. Da war mir klar, dass es ab jetzt heißt zu warten. Ich habe im letzten Jahr gewartet. Da ich innerlich wusste, dass sie nachts oder am späten Abend kommen, war ich zu Hause. Die Wohnung war aufgeräumt. Ich habe Einladungen abgelehnt und war da. Mein großes Glück war, dass Jounes an diesem Freitag da war. Timo ist am 08.07.1990 geboren. Er hat sich immer über das Datum gefreut. An dem Tag wurde Deutschland Weltmeister gegen Argentinien. Ein Sonntag, es heißt Sonntagskinder werden ganz besonders glücklich! Die Geburt war der größte Schmerz, den ich bis dahin erlebt habe. Da von Anfang an feststand, dass ich Timo allein erziehen werde, war meine Schwester dabei. Nach der Geburt wurde er in die Kinderklinik in Dottendorf verlegt, wegen Anpassungsstörungen. Also hatten wir in den ersten Tagen nach der Geburt nicht die Möglichkeit zu bonden, aber einige Tage später konnte ich ihn mit nach Hause nehmen. Wir hatten damals eine kleine Wohnung in Graurheindorf. Ich habe viel Unterstützung von meiner Mama bekommen. Einige Monate später bin ich nach Auerberg gezogen, in eine 2-Zimmer-Wohnung. Meine Freundin Steffi mit ihrem Sohn Nils sind in das Nachbarhaus gezogen und wir haben uns gut unterstützt, gemeinsam alleinerziehend. Ich habe dann mit dem Timo gemeinsam angefangen zu arbeiten. Timo und ich sind am frühen Morgen aus dem Haus und sind 3 Jahre zum Belderberg gefahren und haben da gemeinsam auf Nina aufgepasst, die war in Timos Alter. Als Timo 1 1/2 Jahre alt war, hatte er leider einen folgenschweren Unfall. Er hat bei einer Freundin in der Küche aus einer Flasche getrunken, in die ihr Freund leider Batterieflüssigkeit gefüllt hatte. Timo wurde lange in der Kinderklinik betreut, da seine Speiseröhre verätzt war. Leider wurde jede Untersuchung in Vollnarkose gemacht. Ich war fix und fertig, der kleine Timo hat mich getröstet! 1993 sind Timo und ich zu Uwe nach Holzlar gezogen, ich hatte mich verliebt. Es gab Bananen im Überfluss, jede Menge Haribo, viele schöne Spaziergänge in der Eifel, Schnitzel satt, eine schöne Zeit. 1995 war die Liebe zu Ende und wir sind nach Kessenich gezogen. Ich hatte mittlerweile in der Uniklinik eine Festanstellung und Timo hat schnell Freunde fürs Leben gefunden. Im Garten war immer was los! Timo ist dann auf die Till-Eulenspiegel-Schule gekommen und nach der Schule in den Hort, den er geliebt hat, ganz besonders die Gisela! Wir hatten ein schönes Leben, Timo erschien mir glücklich. Er war ein so lieber kleiner Junge! Meine Tante Kätha und mein Onkel Rudolf haben sich gerne um den Timo gekümmert und da es ein Haus in Spanien gab, war Timo in den Osterferien, Sommerferien viel in Spanien und an Wochenenden auch viel bei den beiden in Wiesbaden. Eine für mich eine gute, unbeschwerte Zeit. Alles, was man so gemeinsam macht: Ausflüge, Schwimmbad, Instrument lernen, Fußballverein, Videoabend, St. Martin, Ostereier suchen, Weihnachten Ich war mitten in der Ausbildung zur Hebamme. Rosenmontag 2000 kam dann Karim in unser Leben und 2001 kam Jounes auf die Welt. Meine Mutter erzählte immer gerne, dass, als sie mich und Jounes mit Timo aus der Uniklinik nach der Geburt abgeholt hat, Timo wie ein Wilder durch die Klinik gelaufen ist und mich gesucht und allen entgegengerufen hat: „Ich habe einen Bruder.“ Das Leben lief weiter und alles schien gut! Timo war mittlerweile auf der Emily-Heyermann-Schule und am Anfang ist er gerne hingegangen und hat sich wohl gefühlt. Irgendwann kam heraus, dass Timo über Monate bedroht wurde, sein Handy und sein komplett angespartes Geld auf dem Sparkonto wurde ihm über Wochen hinweg abgenommen und einiges mehr. Er war unter Druck, er hat nichts erzählt, bis alles durch einen Zufall rauskam. Die Jungs waren sogar so weit gegangen, dass sie mit einer Pistole ein Loch in seine Fensterscheibe geschossen haben. Er hat geschwiegen. Das war damals für mich das Schlimmste; darüber nachzudenken, dass er sich mir nicht anvertrauen konnte. Timo wurde älter, war ein nach außen hin fröhlicher Junge und die ersten Probleme tauchten auf. Wir sind nach Dottendorf gezogen, in eine größere Wohnung. Es fehlte immer mal wieder Geld, er ist nicht in die Schule gegangen. Er hat gelogen, hat angefangen zu rauchen, zu trinken und dann auch angefangen zu kiffen. Die Auseinandersetzungen wurden mehr, die Sorgen wurden mehr – aber was da noch kommt, das habe ich damals nicht geahnt. Karim und ich haben uns dann getrennt, ich habe viel gearbeitet und Timo hat trotz allem immer auf seinen Bruder achtgegeben und für ihn gekocht. Auch habe ich mich dann schnell um eine Unterstützung über das Jugendamt gekümmert und einmal in der Woche kam ein Sozialpädagoge und hat mit uns die Woche besprochen. Ich war eigentlich guter Dinge! Bis mir Timo eines Tages erklärte, dass er das nicht für sich macht, sondern für mich. Er meinte, wenn es mir guttut und hilft, würde er weiter machen. Die Probleme wurden stärker, Timo hatte mittlerweile eine Ausbildung zum Koch begonnen und bezog seine erste eigene Wohnung. Auf Anraten, der müsse allein klarkommen und nur so lernt man. Das habe ich eigentlich von jeder Drogenberatung gehört, man solle loslassen. Mein Bauchgefühl hat mir da eigentlich was anderes gesagt! Es war eine Katastrophe, die Wohnung war eine Müllhalde, die Miete wurde nicht bezahlt. Die Ausbildung hat er dann fertigbekommen und noch kurze Zeit als Koch gearbeitet. Er zog wieder bei uns ein, dann wieder aus und die ersten Therapieversuche begannen in der LVR und in Hürth. Ich hatte jedes Mal so viel Hoffnung aber der Weg führte immer mehr in eine schwere Sucht. 2009 war dann auch mir klar, dass Timo heroin-, kokain- und alkoholabhängig ist. Timo und ich scherzten manchmal, dass er Platin-Patient in der LVR sei. Ich denke, allein da war er 50 Mal, er war in Bergisch-Gladbach, auf der Sigmund-Freud, in Bornheim. Rein und wieder raus, oft war es so, dass er anrief und seine Bestellung aufgab: Vanillecola, Weingummi, Tabak, Handy, Handykarte, Pflegeartikel, Kleidung… Als ich dann vor der Tür stand, um die Sachen abzugeben, war er schon wieder weg. Ich war hunderte Male in der Stadt, um ihn zu suchen und mit jedem Monat wurde sein Zustand immer schlechter. Ab 2015 kamen die Krankenhausaufenthalte dazu: Schulter gebrochen, tennisballgroße Abszesse in den Beinen, Fallhände, Infektionen, Lungenentzündungen. Er wurde drei Mal reanimiert und hat einen Defibrillator bekommen! Er hat sich dann mit Beginn von Corona noch einmal aufgemacht und ist für fast zwei Jahre nach Hamm ins KESH, dort hat er sich recht wohl gefühlt und hat, bis auf einige Rückfälle glaube ich, eine gute Zeit gehabt, die Hep C wurde behandelt. Er hat viel gemalt, gebastelt, hatte immer Geschenke und liebevolle Briefe dabei. Wir haben mehrmals täglich telefoniert. Wenn er auf Besuch am Wochenende da war, hat er oft gesagt, dass er sich nach den Menschen und dem Leben auf der Platte sehnt. Dann war aber auch die Zeit für ihn vorbei und er hat all seine Sachen ordentlich gepackt, dass ich die nur noch abholen musste und war wieder in Bonn auf der Platte. Es ging nun in einem rasanten Tempo immer weiter, eine HIV wurde diagnostiziert, dann kam noch eine offene Tuberkulose dazu. Die Hep C war wieder da. Es gab Maden in den Beinen und die Krankenhausaufenthalte kamen in immer kleineren Abständen. Er hat mich dann immer, wenn er noch reden konnte, direkt aus dem RTW angerufen – Mama kannst du kommen. Oder die Intensivstationen haben sich gemeldet. Meine Telefonnummer war bekannt. Also Vanille Cola, Weingummi – bitte die Erdbeeren, Pflege Artikel, Kleidung, Tabak, Hülsen. Sobald er wieder kriechen konnte, war er weg. Wenn er nicht wegkam, dann hat er Händedesinfektionsmittel getrunken. Oder hat sich, von wem auch immer, Vodka besorgen lassen. Timo hat mir seine Sucht so erklärt: Er kann sich nicht ohne Drogen aushalten, wir ihn nicht mit der Sucht. Es ist ein Scheunentor, da reinzukommen und ein Nadelöhr, da wieder rauszukommen. Nüchtern fühlt sich unerträglich an. Die Droge macht nicht, dass es einem besser geht, es macht, dass es einem nicht noch schlechter geht. Es gibt Rückfall nach Rückfall, weil er sich nüchtern nicht heilen konnte. Er ist voller Scham und kann nur den einen Weg gehen, die Flucht. Er wacht nie auf, da er nie schlief. Er war verloren in einem Zustand, wie ein Koma ohne Träume. Die Sucht hat ein Gefängnis um ihn herum gebaut, die Sucht war der Anstaltsleiter und es gab keinen Schlüssel. Jeder Gedanke, jedes Gefühl wird von der Sucht kontrolliert. Was war die Sucht für mich: Die Frage nach dem Warum. Scham: Muss ja an der Kindheit liegen. Andere Menschen, Gesellschaft nicht aushalten, keine wirkliche Freude mehr spüren, wenig lachen, herzhaft schon gar nicht. Nachts wachliegend auf das Telefon starren, auf die Türklingel horchend. Jedes Mal zusammenzucken, wenn es klingelt; jedes Mal zusammenzucken, wenn ich einen RTW höre. Timo anflehen, Kontakt abbrechen, verhandeln, drohen, Hilfe anbieten, Geld geben, ihn festhalten, ihn waschen, es aushalten, dass er sinkt, dass er stundenlang ohne Punkt und Komma irgendetwas erzählt, damit wir nicht wirklich sprechen. Immer Tag und Nacht auf Abruf sein. Mit Ärzten sprechen, Unverständnis, stundenlanges Warten vor irgendwelchen Türen einer Intensivstation. Ich habe mir immer gesagt, dass er ein wirklich hartes Leben hat und ich ein gutes Leben. Ich kann essen, was ich möchte, ich kann im Warmen schlafen. Meine Aufgabe ist es, ihn zu begleiten. Ich habe aber deutlich gemerkt, dass ich nicht mehr kann. Timo hat das verstanden, er hat immer gesagt, dass für ihn eigentlich das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass er weiß, was er mir und Jounes damit antut. Er war immer freundlich, war immer zuvorkommend, hat verstanden, dass ich nicht mehr kann. Er hat mich in den letzten Wochen nicht unter Druck gesetzt. Das letzte Mal, das ich Timo gesehen habe, war an Heiligabend. Immer wenn er Weihnachten kam, habe ich das Lied „I´m driving home for chrismas, I can´t wait to see those faces“ im Hausflur gespielt und er hat über das ganze Gesicht gestrahlt! Wenn er die Treppe hochkam. Jounes, Timo und ich haben versucht, das Beste daraus zu machen. Wirklich schlimm war, ihn dann nach dem Fest zum Bahnhof zu bringen und ihn da rauszulassen. Sehr traurig waren die letzten Male, die er anrief und mich bat zu kommen und ihm zu sagen, dass ich nicht mehr komme. Das letzte Telefonat war letzte Woche Montag.“ [Ein Dank gilt allen, die Timo in den letzten Jahren bei unendlich vielen Aufenthalten in den Bonner Krankenhäusern gepflegt haben. Bei den Mitarbeiterinnen des Vereins für Gefährdetenhilfe. Ein besonderer Dank gilt Hanna. Bei den Polizistinnen und Polizisten der Gabi Wache Bonn. Bei Indra. Bei den Menschen auf der Straße, die ein gutes Wort oder einen Euro hatten.] Zustimmung verwalten Um dir ein optimales Erlebnis zu bieten, verwenden wir Technologien wie Cookies, um Geräteinformationen zu speichern und/oder darauf zuzugreifen. Wenn du diesen Technologien zustimmst, können wir Daten wie das Surfverhalten oder eindeutige IDs auf dieser Website verarbeiten. Wenn du deine Zustimmung nicht erteilst oder zurückziehst, können bestimmte Merkmale und Funktionen beeinträchtigt werden. 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